Neujahrsfehlschläge

Von Fabienne Hofer-Uji

Ich starrte auf den Schaum meines Latte Macchiato, der sich knisternd in Luft auflöste. Es war ein Fehler. Wie alle Entscheide, die ich dieses Jahr gefällt hatte – ob Zukunftsplanung oder Heißgetränk in schickem Tokioer Café. Streng genommen konnte von einer Entscheidung „fällen“ nicht die Rede sein, denn ich hielt „das Beil des Entscheids“ nicht in meinen Händen. Vielmehr glich ich einem im Fluss treibenden Holzscheit – fortgespült.

Beim Gedanke an das an mir vorbeigeflossene Jahr schauderte mir. Fröstelnd zog ich meine altrosa Strickjacke enger. Ich streckte meine sorgfältig manikürten Finger nach der wärmenden Kaffeetasse aus, nippte das Getränk nur kurz, wie es sich für die elegante Umgebung schickte, obwohl mir eher nach einem kräftig-befreienden Schluck zu Mute war.

Der Kaffee schmeckte ernüchternd. Mit der Serviette tupfte ich mir sachte den Mund ab. Von einem Schaumschnauz jedoch keine Spur. In einem erstklassigen Café folgten selbst die Getränke sozialen Konventionen. Es wäre unerhört, wenn sich die feinen Damen in ihren steifen Tweedjacken und kostbaren Kimonos nach jedem Schluck versichern müssten, dass ihr minutiös aufgetragenes Makeup nicht verschmierte und ihr wahres Gesicht zeigte. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.

Hätte ich doch einen Karamell Latte bestellt. Aber zu viel Zucker bei zu viel Hüftspeck war unvernünftig und zog unverhohlen missbilligende Blicke nach sich. Ein Caffè Latte, das Trendgetränk, welches von allen bestellt wird, die nicht wissen, was sie wirklich wollen, wäre zu profan. Schwarzer Kaffee ohne Zucker und ohne Milch bekräftigte bei sportlich, schlanken Frauen ihre Dynamik und ihren Tatendrang. Brachte man aber ein paar Pfunde mehr auf die Waage, outete man sich damit als verzweifelte Ruderin, die vor den Jahresend-Festlichkeiten versuchte, die Wogen in Stromlinien zu glätten. Mit seinem aufbauschenden Gehabe und dürftigen Substanz war der Latte Macchiato das perfekte Getränk für Schaumschläger.

Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse und kramte in meiner Handtasche nach meinem Bulletjournal, das ich letztes Jahr begonnen hatte, um beim Kaffeeklatsch in der Firma mit den anderen Sekretärinnen mitreden zu können. Mit seinem Ledereinband war es mich so teuer zu stehen gekommen, dass ich mich nicht dazu überwinden konnte, die Seiten mit krakeligen Schriftzeichen und schulmädchenhaften Zeichnungen voll zu kritzeln. Auf den ersten Seiten hatte ich jeden Monat fein säuberlich in Kästchen unterteilt, in denen ich Tag für Tag das Wetter, meine Ernährung sowie meine Fitness trackte – das Kennwort für Bilder-Tagebüchler. In Zeichnungen von unförmigen Regentropfen, Ufo-artigen Salatschüsseln und sich in unmöglichen Yogapositionen verkrümmenden Strichmännchen füllte ich mein Leben.

Am schnellsten hatten die Ufo-Salatschüsseln „zur Landung angesetzt“. Zu Beginn mixte ich frisches Obst und Gemüse zu Smoothies in leuchtende Regenbogen-Farben oder schnippelte es in Salate. Geschmeckt hat das die ersten Tage, satt wurde ich davon nie. Beim Einkauf wurden daher meine Irrfahrten immer häufiger und ausgiebiger, bis man am Ende von einer Reise zu den Schokoladen-Keks—Inseln mit einem gelegentlichen Abstecher ins grüne Meer sprechen konnte.

Getrackt hatte ich selbstverständlich nur die Fahrten ins Grüne und nicht meine Ankerungen vor den Zuckerinseln. Wer will denn schon durch eigene Hand an seine Ausuferungen erinnert werden? So ebbte der Bilderfluss meiner Smoothies und Salate immer weiter ab, während mein Gewicht wie ein Surfer auf einer nicht abbrechenden Flutwelle dem Sommer entgegen glitt.

Mit den steigenden Temperaturen blieben auch meinen fleißigen Strichmännchen vermehrt auf der Durststrecke. Wer in Tokio lebt oder die Stadt im Sommer besucht hat, weiß, wie sich die von unzähligen Klimaanlagen nach draußen gepresste Luft zwischen den Hochhäusern staut und den Betonboden zu einer bleiernen Masse erhitzt.

Am Zähesten waren meine Wetter-Illustrationen, die fast bis zum letzten Monat des Jahres standhielten. Im Herbst ließ ich es mir nicht nehmen, in jede Ecke lustig im Strichwind tanzende Blätter zu malen. Eine geheime Freude.

Ich blätterte zur nächsten leeren Doppelseite. Zuoberst schrieb ich „Vorsätze fürs neue Jahr“. Darunter zeichnete ich eine schnörkelige Linie, die ich mit Blumen und Sternchen ausschmückte. Auf dem Weg zum Café hatte ich fieberhaft überlegt, was ich mir dieses Jahr als Vorsatz nehmen könnte. Aber wie sehr ich mich auch anstrengte, meine Gedanken drehten sich wie in einem Hamsterrad. Außer gesunder Ernährung und Sport für einen linienförmigen Körper, mit dem es sich im Single-Teich nach potentiellen Ehemännern fischen ließ, fiel mir nichts ein.

Mit meinen Tagen hatte ich auch meine Wünsche auf das Gesellschafts-Raster herabgestutzt. Das Feld für Anfang dreissig schrieb ein gepflegtes Äußeres, eine gutgezahlte Festanstellung und einen flüssigen Ehemann vor. Als Künstlerin oder Elitegeschäftsfrau konnte man sich der Heiratsmaskerade entziehen. Fiel eine Sektretärin aus dem Rahmen und schwamm   gegen den sozialen Strom an, wurde ihr Freidenkertum bestenfalls als Querdenken, meistens jedoch als Anpassungsunfähigkeit aufgrund einer unter der Oberfläche lauernden Macke ausgelegt.

Um „im Rennen zu bleiben“ und die Litanei meiner Mutter abzubrechen, hatte ich mich zu Jahresbeginn bei einer Dating-Organisation angemeldet. Sekretärinnen mit höflichen Gesichtsmasken suchten in einer riesigen Datenbank nach dem passenden Partner – ohne Erfolg. Selbst in einer Millionen-Metropole wie Tokio war man Anfang Dreißig kein knackiger Köder, an dem große Fische anbissen. Von einem Arbeiter in einer Speditionsfirma, musste ich mir anhören, dass Frauen wie Weihnachtsgebäck seien. Mit jedem Tag nach dem 25. würden sie fader und härter bis zur Ungenießbarkeit und Entsorgung im neuen Jahr.

„Und wir haben schon den 31., Frau Asada!“, ereiferte er sich, wobei er seine Glubschaugen so weit aufriss, dass ich ihm schon den Teller hinhalten wollte für den Fall, dass sie wie alter Weihnachtsschmuck runterpurzelten.

Ich blickte erneut auf meinen Latte Macchiato. Der hochstaplerische Milchschaum war in sich zusammengefallen. Das Leben war wie Kaffee – zu kurz, um nicht sein eigner Barista zu sein. Geschmack lässt sich nicht in vorgefertigte Raster pressen, sondern entfaltet sich frei.

 

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