Schneegestöber

Ein Hauch eines Märchens

Von Fabienne Hofer-Uji

Es war einmal ein Holzfäller namens Minokichi, der mit seiner alten Mutter tief im Wald lebte. Wie die Temperaturen sanken, wurde die Mutter immer schwächer, was Minokichi große Sorgen bereitete. Er beschloss im nächsten Dorf eine Arznei zu holen. Bevor er loszog, warnte ihn seine Mutter mit schwacher Stimme vor den verlockenden Versprechungen der Waldhexe. „Vergiss nicht, mein Sohn, nichts im Leben ist umsonst.“

„Keine Sorge, liebe Mutter. Ich will es schon richtig machen“, antworte Minokichi und machte sich auf. Als er ein Stück des Weges gegangen war, begegnete ihm ein altes Mütterchen, das ein schweres Bündel Holz auf seinem Buckel transportierte. „Guten Tag, mein Junge“, sagte das Mütterchen mit ächzender Stimme.

„Guten Tag, liebes Mütterchen. Wohin des Weges?“

„Nach Hause“, sagte sie und deutete mit ihrem knorrigen Finger auf eine verfallende Hütte. „Ich brauche was zum Heizen sonst bläst mir der Wind durch alle Knochen.“

Da die Hütte nicht weit entfernt war, nahm sich Minokichi ein Herz und bot dem Mütterchen an, das Bündel bis zum Haus zu tragen. Vor dem Hause griff Minokichi nach der Axt und teilte die Holzstücke gewandt in kleine Scheite, damit das Mütterchen sie mühelos in den Ofen werfen konnte. Das Mütterchen wollte Minokichi für seine Dienste entlohnen, Minokichi aber schüttelte den Kopf und beteuerte, dass es nicht der Rede wert sei. Das Mütterchen bestand jedoch hartnäckig darauf, ihm einen Wunsch zu erfüllen.

Minokichi brauchte nicht lange nachzudenken. Denn nichts wünschte er sich sehnlichster, als dass seine liebe Mutter bald wieder gesund würde.

„Das wird geschehen. Es steht in den Sternen geschrieben“, sagte das buckelige Mütterchen. „Wünsch dir etwas, was du normalerweise nicht bekommen kannst“, drängte sie.

Angestrengt überlegte Minokichi, was er sich wünschen konnte, aber ihm fiel beim besten Willen nichts ein. Er hatte alles, was sein Herz begehrte.

„Wie wäre ein ewiges Leben?“, schlug das Mütterchen vor.

„Meine Mutter ist schon alt“, gab Minokichi zu bedenken, „Ich möchte mich nicht von allen liebgewonnen Personen verabschieden und für immer alleine auf der Welt zurückbleiben müssen.“

„Dann vielleicht ein Sack voll Gold?“

„Ich führe ein einfaches Leben im Wald. Was soll ich da mit dem Gold.“

Das Mütterchen nickte langsam und grübelte einen Moment nach. Ihre Augen blitzten listig auf. „Wie wäre es mit einer schönen Braut? Deine Mutter ist schon alt. So wirst du später nicht alleine sein.“

Minokichi zögerte. Doch er entsann sich der Worte seiner Mutter und lehnte wieder dankend ab. Er könne sich nicht vorstellen, dass das einsame Waldleben einer jungen Frau gefallen würde. Er war schon mit einem Bein aus der Tür, als das Mütterchen ihn fest am Arm packte. „Ich lasse dich nicht gehen, ehe du nicht einen Wunsch geäußert hast!“

Ratlos ließ Minokichi den Blick durchs Fenster über das Dickicht schweifen. Eiligst sagte er, er wünsche sich, dass die Bäume in der kalten Jahreszeit nicht so nackt und kahl dastünden. 

Das Mütterchen verzog das Gesicht zu einer Grimasse, humpelte zum Ofen und klaubte eine Handvoll Glutreste heraus. Minokichi am Ärmel hinter sich herziehend, ging sie vor die Tür und pustete die Glutklumpen in den Nachthimmel. Die roten Punkte stiegen zum Himmelszelt hoch, wo sie ein gleißendes Licht entfachten. Ein weißer Schneesternregen rieselte darauf sanft auf die Erde nieder. An der Stelle, wo die Sterne den Boden berührten, sah Minokichi eine zierliche, nackte Frau.

„Das ist deine Belohnung. Geh und hol sie dir“, sagte das Mütterchen.

Mit einer Mischung aus Besorgnis, Schrecken und Neugier eilte Minokichi zu der Schneesprinzessin. Ihre Haut war von einer außergewöhnlichen Helligkeit und ihr knielanges Haar so schwarz wie Ebenholz. Die zierliche Prinzessin war das Schönste, was Minokichi in seinem Leben je gesehen hatte. Behutsam wickelte er sie in seinen Mantel und trug sie auf seinen starken Armen ins Dorf, wo er Medizin für seine Mutter kaufte und einen weißen Kimono für die schöne Oyuki schneidern ließ.

Mit Oyuki veränderte sich nicht nur Minokichis Leben, sondern auch seine Umgebung. In der kalten Jahreszeit waren Boden und Äste der Bäume fortan in eine sanft-weiße Decke gehüllt, die sowohl im Licht der Sonne als auch des Mondes wie verzaubert glitzerte. Minokichi kümmerte sich liebevoll um die schöne Oyuki und zusammen verbrachten sie viele glückliche Jahre, in denen sie sich an der Pracht der Schneelandschaft erfreuten.

Eines Tages jedoch, als Minokichi bereits so gebeugt ging, wie einst das Mütterchen, das er im Wald getroffen, schied er mit einem letzten kalten Atemzug aus dem Leben. Oyuki, die sich seit ihrer Ankunft auf der Erde nicht verändert hatte, vergoss bittere Tränen. Wann immer die Trauer sie schüttelte, wirbelten die weiße Flocken wild durch die Luft, dass man Himmel und Erde nicht mehr unterscheiden konnte.

Während sie einsam und verlassen einen weißen Schleier hinter sich herschleppend durch die Länder irrte, sehnte sie sich nach ihren Sternenschwestern im Himmel. Doch der Weg zurück ward ihr verwehrt. Ihre Schwestern sandten ihr Sternschnuppen, in der Hoffnung, sie mögen eines Tages den Bann durch Minokichis Wunsch brechen und Oyuki freisetzten.

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